Jessie

eine Border Collie-Geschichte mit Happyend

 

jessie liegt.jpg (92157 Byte)

Border Collie-Hündin ohne Papiere, tricolour, geb. 19.05.2001

Jessie kam im August 2002 zu mir, um eine Grundausbildung im Hüten zu erhalten. Nachdem sie im ersten Jahr ihres Lebens als reiner Familienhund gehalten worden war und dabei unerwünschte Verhaltensweisen wie Fliegenschnappen entwickelt hatte, nahm ihre Züchterin sie zurück, um sie in passendere Hände zu vermitteln. Der Interessent, der sie  an seinen Schafen einsetzen wollte und für den ich sie ausbilden sollte, wollte sie nun aber nicht mehr haben, da sie nach vier Wochen Ausbildung nicht seinen Vorstellungen von einem "ausgebildeten" Arbeitshund entsprach.

Da mir Jessie doch ein bisschen ans Herz gewachsen war, hatte ich mit ihrer Züchterin verabredet, dass Jessie bei mir bleiben sollte, bis wir ein neues Zuhause für sie gefunden hätten mit Menschen, die ihre Qualitäten zu schätzen wissen und ihre Defizite wohlwollend auffangen und auszugleichen versuchten. In dieser Zeit wollte ich ihre Hüteausbildung fortsetzen und zusätzlich ihre Eignung für Hundesport testen. 

jessie steht.jpg (87742 Byte)

 

Jessie zeigte sich bei mir im Umgang problemlos, sie hatte wenig Grunderziehung genossen, lief aber "so mit" ohne Ärger zu machen. Katzen hatte sie bei mir kennen- und lieben gelernt, sie spielte mit ihnen die üblichen Border Collie-Hütespiele, konnte aber auch ganz reizend mit meinem damaligen Katzenwelpen schmusen und spielen. Ihre Vermittlung gestaltete sich aber trotz zahlreicher Anfragen - gelobt sei das Internet ;-)  gar nicht so einfach. Eine zukünftige Karriere als reiner Reitbegleit- oder Familienhund erschien mir nach Jessie's Vorgeschichte als wenig erfolgversprechend. Aus einem sehr hoffnungsvoll erscheinenden neuen "Arbeitsplatz" an ca.40 Heidschnucken, mit denen Jessie beim Ausprobieren erstaunlich gut zurecht kam, wurde leider nichts, da die dort bereits vorhandene Border Collie-Hündin keinen Zweifel daran lies, dass sie diese Rivalin in keinem Fall auf ihrem Hof dulden würde. Außerdem sind ein nicht eingezäuntes Grundstück an der Bundesstraße und eine Familie, die gar keinen zweiten Hund möchte, auch keine geeigneten Voraussetzungen für ein harmonisches Border Collie-Leben, trotz der Schafe. Recht merkwürdige Erfahrungen machte ich auch mit einer Interessentin, die zwar Hunderte von Kilometern zu einem ersten Treffen anreiste, dann jedoch meine Einladung zu einem Besuch bei mir zum besseren Kennenlernen und gemeinsamen Trainieren (es wäre ihr erster Border Collie gewesen!) als Bevormundung o.Ä. ansah und Abstand nahm. War wohl besser so!

Aber manchmal ist es wohl gar nicht so schlecht, wenn es mal etwas länger dauert ;-) Tamara hatte sich schon Ende September nach Jessie erkundigt, musste aber zwischenzeitlich verreisen. Nun im November konnten sie und Tobias uns endlich besuchen kommen und es war Liebe auf den ersten Blick. Gemeinsame Spaziergänge, Agilitytraining, erste Versuche mit Clickertraining und es stand fest : das passt!  Schafe wird es für Jessie in Zukunft wohl  nicht geben, aber sie arbeitet mit einer derartigen Begeisterung mit Tamara zusammen, dass einer sportlichen Karriere nichts mehr im Wege zu stehen scheint. Eine Woche Bedenkzeit haben wir uns noch verordnet, dann kam Tamara wieder die ganze Strecke angereist, um Jessie abzuholen und nun lebt sie in Ulm. Bisher hören wir nur Positives, einzig Kater Rex muss sich erst noch an die Tatsache gewöhnen, dass er von nun an keinen Schritt tun kann, ohne das sein treuer Schatten ihm folgt. Aber als weitgereister Kater von Welt gewöhnt man sich auch an so etwas ;-)

DSC00021.JPG (95598 Byte)

Zur Information für eventuelle Interessenten hatte ich nach den ersten vier Wochen einen Bericht über Jessie's Hüteausbildung geschrieben, den ich weiter unten angefügt habe. Ich hoffe, dass ich bald an dieser Stelle berichten kann, wie sich Jessie in ihrem neuen Heim eingelebt hat und wie es mit ihrer sportlichen Ausbildung weitergeht.

 

where's that mosquito.jpg (38440 Byte)              hunting.jpg (49625 Byte)

Alles Gute, Jessie !

 


Trainingsbericht über die Border Collie-Hündin Jessie

Zeitraum: 07.08. bis 13.09.2002

Jessie ist eine sehr freundliche Hündin, die sich gut mit anderen Hunden verträgt und sich problemlos in mein Rudel eingefügt hat. Ihre anfängliche Angst davor, in ein Auto einzusteigen, hat sich schnell gelegt, nachdem ich sie ohne großes Theater einfach an die Leine genommen und ins Auto gehoben habe. Außerdem habe ich sie fast täglich mitgenommen und sie hat gemerkt, dass es dabei meistens zu interessanten Zielen geht (Schafweide, Spaziergang). Jessie kannte kaum Grundkommandos (Sitz, Bei Fuß usw.), sie kommt her, wenn man sie mit Namen ruft, bei „Mach Platz" legt sie sich mit sehr unterwürfiger Gestik hin (rollt auch schon mal auf den Rücken), steht aber trotzdem sofort wieder auf. Sagt man dann „bleib", so bleibt sie relativ zuverlässig liegen, auch wenn man von ihr weg geht (laufendes Kontrollieren aber empfehlenswert).

An den Schafen zeigte Jessie sich interessiert, aber eher schüchtern. Sich schnell bewegende Schafe verfolgt sie mit hoher Motivation, drückt sie auch geschickt (mit deutlich gezeigter Balance) gegen Zäune oder in Ecken, sie zeigt aber wenig Bestreben, sich zerstreuende Schafe zusammen zu holen, dafür fehlt ihr noch der Überblick und das Selbstvertrauen. Stehende Schafe versucht Jessie durch schnelles Darauf-zu-Rennen und seitliches Dran-vorbei-Schnippeln in Bewegung zu setzen. Sie hat noch nicht das Selbstvertrauen, um gerade auf die Schafe zuzugehen und sie zu „kippen".

Während der Grundausbildung hat Jessie folgendes gelernt:

1.) Kreisen

„rechts rum" : sie umkreist die Schafe gegen den Uhrzeigersinn

„links rum" : sie umkreist die Schafe mit dem Uhrzeigersinn

In beiden Richtungen braucht sie noch Unterstützung durch Position ihres Menschen ( Mensch steht bei den Schafen und schickt den Hund um sich und die Schafe herum) und durch Körpersprache: bei „rechts rum" rechten Arm ausstrecken (Rücken zu den Schafen) und hinter dem Hund herzeigen, ihn quasi in die richtige Richtung „schieben", bei „links rum" entsprechend den linken Arm, am besten durch Hütestock o.Ä. verlängert.

Da die Wortkommandos noch nicht 100%ig „sitzen", springt Jessie gelegentlich in der falschen Richtung los, auf „nein" und z.B. „rechts rum" ändert sie dann aber meistens die Laufrichtung, ohne das man sie erst ablegen muss. Sie zeigt dabei keine besondere Vorliebe um die Köpfen bzw. die Schwänze der Schafe herum zu laufen, man kann sie gleich gut in beide Richtungen schicken.

Beim Kreisen läuft Jessie mit mäßigen Tempo, sie lässt sich durch „sssccchhh" anfeuern. Sie hält von sich aus Abstand zu den Schafen und zeigt wenig Neigung, auf die Schafe loszuspringen, ihre Kreise sind aber noch recht unregelmäßig, eiförmig, eng oder weiter und sie lässt sich leicht ablenken bzw. einschüchtern. Am 12 Uhr-Punkt zeigt sie wenig Neigung, aus eigenem Antrieb herein zu kommen und die Schafe anzubewegen.

2.) Nachtreiben

„weiter, weiter" (unterstützt durch „Jess-Jess" und Zungenschnalzen) : Jessie geht auf die Schafe zu und (wenn diese sich leicht in Bewegung setzen lassen) treibt sie hinter dem Menschen her, dabei pendelt sie Kurven und Schlangenlinien ohne Kommando selbständig aus, ohne das Tempo zu steigern. Sie hält von sich aus guten Abstand und macht kaum Druck auf die Schafe. Bei flüchtigen Schafen wirkt sie deutlich aufgeregter/motivierter und neigt dann auch schon mal zu engeren Bögen, bei denen sie dann gelegentlich den Überblick verliert und zwischen den Schafen durchläuft statt außen rum. Sie lässt sich gut ablegen, steht aber gern von selbst auf, wenn man mit den Schafen weitergeht. Kommt man dicht an einen Zaun heran, versucht Jessie eher, die Schafe gegen den Zaun zu drücken, flankiert/pendelt dann also zur „falschen" Seite. Unterstützt man sie durch Körpersprache und das Seitenkommando, gelingt es jedoch meistens, sie durch die Lücke zwischen Zaun und Schafen zu bringen.

Erste Versuche mit dem Wegtreiben (selbes Kommando: „weiter weiter") verliefen recht vielversprechend, Jessie folgt den Schafen ohne sich aufzuregen, schneller zu werden oder sie kippen zu wollen.

3.) Outrun

Da Jessie sich (noch) nicht zutraut, die Schafe allein anzubewegen, kann man sie noch nicht vom Fuß hinter eine Gruppe Schafe schicken, auch wenn diese frei in der Wiese stehen. Sie läuft dann mehr oder weniger gerade drauf zu, sprengt sie auseinander und verliert dann meistens den Überblick, kann sie also nicht wieder einsammeln. Manchmal schnappt sie dann auch nach rennenden Schafen, aber ohne festzuhalten.

Mein Outrun-training sah daher immer so aus, dass ich den Hund auf ca. 10m, dann 20m, abgelegt habe, mich selber seitlich vor die Schafe gestellt habe und Jessie mit deutlicher Körpersprache auf den Kreisbogen rechts oder links rum gelockt habe. Ist sie erst mal in der richtigen Richtung losgelaufen, entwickelt sie auch einen birnenförmigen Bogen, kommt mit Abstand bei 12 Uhr an und kann dort leicht gestoppt werden. Ein selbständiger Lift ist auf diese Weise natürlich nicht zu trainieren, dafür ist es aber meines Erachtens bei Jessie auch noch zu früh. In diesem Zusammenhang habe ich mit ihr einerseits geübt, liegen zu bleiben, während ich mit den Schafen auf den gewünschten Abstand weitergegangen bin, anderseits bin ich mit ihr zusammen von den Schafen weggegangen (Kommando „geh zurück"), um dann selbst wieder zu den Schafen (oder auf die halbe Strecke bei kurzen Abständen) zu gehen und sie dann loszuschicken.

Nach meiner Erfahrung ist der Outrun etwas, was sich nicht durch verstärktes Training schnell verbessern lässt, sondern er muss sich mehr oder weniger im Laufe der Zeit „entwickeln", dabei sollte der Hund aber immer wieder die Gelegenheit haben, es erfolgreich (also mit der nötigen Unterstützung) zu üben, und es sollte möglichst wenig „schief gehen" (Schafe rennen weg, Hund wird angeschrieen, Hund hetzt unkontrolliert hinter den Schafen her usw.).

Schlussfolgerungen:

Nach der kurzen Zeit von 4 Wochen hat Jessie deutliche Ausbildungsfortschritte gemacht. Sie braucht viel Unterstützung und Verständnis für ihr „weiches" Wesen im Umgang mit den Schafen, dann wird sie sicherlich zu einem nützlichen leichtführigen Arbeitshund werden. Sicherlich wird sie an leichtgängigen Schafen (Heidschnucken, Scottish Blackface) bald erfolgreicher arbeiten können als an schwergängigen sturen Schafen (Schwarzkopf, Texel, Merino). Soll sie an solchen Schafen arbeiten, so braucht sie noch viel Zeit und verständnisvolle Ausbildung, um ihr Selbstbewusstsein genügend aufzubauen. Beim Training an leichtgängigen Schafen ist dafür Sorge zu tragen, dass die Situation nicht außer Kontrolle gerät und Jessie durch unkontrollierbar wegrennende Schafe überfordert wird.

Nicht übersehen werden sollte Jessie’s Eigenart, nach Fliegen und Mücken etc. zu schnappen (danach greift sie meistens ins Gras und rupft etwas ab). Im Verlauf der letzten Wochen ist diese Verhalten weniger geworden, aber nicht ganz verschwunden, z.T. ist es wahrscheinlich durch das „Hüten" meiner Katzen ersetzt worden. Jessie zeigt Fliegenschnappen bei Langeweile, aber auch als Übersprunghandlung bei Stress (anfangs jeweils verstärkt nach dem Hütetraining). Sie ist dabei aber immer ansprechbar und abrufbar. Ich halte es für falsch, ihr dies Verhalten verbieten zu wollen oder überhaupt darauf zu reagieren, es könnte daraus eine Verhaltenskette entstehen, die das Schnappen noch verstärkt bzw. auf andere Dinge (Schattenhüten, Pfotenkauen!!) umleitet. Trotzdem sollte man versuchen, dies Verhalten zu reduzieren (Gesundheitsgefahr durch ständige Luftsprünge, Unfallgefahr beim Landen) durch Ablenken oder durch regelmäßige Beschäftigung mit anderen Dingen (Hüten, Sport), da es nach meiner Meinung Jessie’s Hüteleistung beinträchtigen könnte: sie hat im ersten Jahr ihres Lebens gelernt, ihren aufgestauten Bewegungsdrang und ihre Langeweile durch das Fliegenschnappen „abzuarbeiten", ihr „fehlt" also nichts, wenn sie nicht arbeiten darf, denn sie kennt es ja nicht. Da das Fliegenschnappen eine völlig selbstbestimmte und selbstgesteuerte Tätigkeit ist, hat Jessie Schwierigkeiten, eine andere Tätigkeit – das Hüten -, das mit Regeln, Schwierigkeiten, ggf. Druck/Stress verbunden ist, als genau so angenehm und befriedigend zu erleben. Ihre Bereitschaft mitzuarbeiten wird also stark davon abhängen, ob ihr Mensch es schafft, sie das Hüten als eine besonders spannende und angenehme Aufgabe erleben zu lassen, dann wird sie im Laufe der Zeit sicher auch das Fliegenschnappen sein lassen und ihre ganze Energie in die Hütearbeit stecken. 


Christine Fischer

 Clan Alba Border Collies

Nach oben

Zurück zu Aktuelles