JESSI'S ABSCHIED

(Sommer 1996)

 

 

Jess zeigt seit Mitte Mai deutliche Schmerzen in den Knien. Das veranlaßt mich sie nun endgültig in den Ruhestand zu nehmen. Die Diagnose meines Tierarztes hat ergeben, daß sie als Folge des Unfalls vor zwei Jahren und der darauffolgenden Operation so stark fortschreitende Arthrosen in den Kniegelenken hat, daß das Knorpelgewebe in den Gelenken verschwunden ist und nun Knochen auf Knochen reibt. Allen Gerüchten zum Trotz sind die Knie von dem Unfall betroffen. Es liegt keine HD vor, die Hüften sind einwandfrei.

Jess war drei Wochen alt und sah aus wie ein Maulwurf, als ich wußte, daß sie es ist. Geboren im Februar 1991 und gezüchtet von Louise Liebenberg aus Les Suter's Nell ISDS 174857 und Ray Edward‘s Don ISDS 142576 wuchs sie bei mir auf und mit mir zusammen.

Jess war immer sehr schnell und sie war sehr stark, von Anfang an. Ihre Lieblingsdisziplinen noch weit vor den Richtungskommandos waren Shedding und Schafe, egal in welcher Herdengröße und Geschwindigkeit, auszubremsen. Sie schmiß sich wie ein Findling davor und bezwang die Schafe mit der Kraft ihrer Augen umzudrehen. Ihr erstes Trial gewann sie im Alter von 9 Monaten. Ein chaotisches Klasse 1 Trial in Roetgen, bei dem sie die einzige war, der die Schafe nicht vom Feld liefen. Sie gewann mit 23 von 100 Punkten. In den unmöglichsten Situationen war sie in der Lage sich irgendwo hinzubeamen und rettete nicht selten schwierige Momente, in der Praxis zu Hause wie auf so manchem Wettkampf.

Sie mag für manchen zu schnell gewesen sein, Jessi und ich waren füreinander gemacht In der gesamten Ausbildung war sie recht unkompliziert. Ich mußte nur in der Lage sein, ihr Tempo zu halten und immer noch einen Tacken schneller zu sein und sie mußte in der Lage sein, den Abstand zu den Tieren zu halten, denn ihre Ausstrahlung war z. T. so gewaltig, daß sie lernen mußte, sich noch mehr zurückzunehmen. Das Flimmern in den Augen bekamen wir, wenn es zum Shedding oder besser zum Single ging. Sie nahm jede Lücke, auch wenn ich es für unmöglich hielt, Jess kam durch und tanzte zwischen den Gruppen. In den Jahren wuchs ihr Sinn für extrem schwierige Schafe, sie reifte in ihre Aufgaben immer mehr hinein. Es war ein unglaubliches Gefühl von Sicherheit, diesen Hund an der Seite zu haben. Sie war meine rechte Hand, sie ist unersetzlich! Ich bin dankbar für die unzähligen schönen Momente mit ihr, die spannenden Augenblicke und die aufopfernde Hilfe, die sie mir jeden Tag unermüdlich in der Schäferei war. Es ist wie ein Abschiedsgeschenk, daß sie mit der Klasse das Fyn Trial gewann. Ein Geschenk wie von meiner Hope, die die erste deutsche Meisterschaft mit der Bravour gewann. Nun habe ich zwei Rentner, nun bin ich für sie da. Ich hoffe, daß Jess noch einige Zeit ihren Zustand erträgt und sich geduldig meine Berichte von den Junghunden anhört.

  Anne Krüger

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