Die Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland e.V. (ABCD)

 Artikel von Christine Fischer

( In veränderter Version erstmals erschienen im Border Collie Jahrbuch 1998)

 Die Arbeitsgemeinschaft Border Collie wurde als Arbeitsgemeinschaft im Club für Britische Hütehunde e.V. gegründet, um Ausbildung und Einsatz des Border Collies als Arbeitshund zu fördern. Der langjährige Rassebetreuer für Border Collies, Werner Kupka, war gleichzeitig 1. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft. Aufgrund organisatorischer Probleme und zunehmend auseinandergehender Interessenschwerpunkte Zucht und Ausstellungswesen einerseits, Hüteausbildung und Arbeitseinsatz andererseits - kam es 1994 zur Loslösung der Arbeitsgemeinschaft vom Club für Britische Hütehunde und zur Gründung eines unabhängigen eingetragenen Vereins, der ABCD e.V.

Laut Satzung hat sich die ABCD folgende Aufgaben gestellt:

,,Die Arbeitsgemeinschaft dient vorwiegend der Erhaltung und Förderung der besonderen Hüteeigenschaften des Border Collies. Sie macht sich zur Aufgabe, diesen speziell für die Hütearbeit gezüchteten Hund als Gebrauchshund zu erhalten und dessen Ausbildung und Einsatz bei der Hütearbeit zu fördern.“

Zur Zeit gehören der ABCD ca. 420 Border Collie-Halter an, die zum Teil auch Mitglied im Club für Britische Hütehunde sind. Dies ist kein Widerspruch, da sich die ABCD in keiner Weise mit der Zucht von Border Collies beschäftigt. Grundsätzlich sind die Veranstaltungen der ABCD auch für Hunde anderer Rassen offen, die Ausbildungsmethoden und Hütewettbewerbe sind jedoch auf die Besonderheiten des Border Collies und seiner Arbeitsweise ausgerichtet, so dass man nur selten einen Kelpie, Collie, Australian Shepherd oder andere antrifft.

 Die Stärke der bundesweit aktiven ABCD liegt nicht in einer zentralisierten Organisation durch Vereinsfunktionäre, sondern im Engagement und den Aktivitäten der einzelnen Mitglieder, die ihre Schafe, ihr Gelände und ihre Erfahrungen mit Border Collies zur Verfügung stellen. So wird beispielsweise die Liste mit Trainingsadressen laufend erweitert. Pro Jahr werden fünf bis zehn Wochenendseminare zur Hüteausbildung angeboten, die - genau wie die Trials (Hütewettbewerbe) - auch Nicht-ABCD-Mitgliedern offen stehen. Insbesondere Anfängerseminare werden stark nachgefragt und sind schnell ausgebucht. Daneben gibt es aber auch Fortgeschrittenen- Seminare für Hunde der Trial-Klasse II und III oder mit entsprechendem Ausbildungsstand, sowie Richterseminare oder Trial-Handling-Seminare. Hierzu werden regelmäßig auch bekannte Ausbilder aus Großbritannien eingeladen.

 Ein Schwerpunkt der ABCD ist die Ausrichtung von Trials, d.h. Hütewettbewerben für Border Collies nach britischen Vorbild. Der Aufwand für die Durchführung einer solchen Veranstaltung ist immens. Im Gegensatz zum Leistungshüten deutscher Prägung, bei dem mehrere Schäfer mit ihren Hunden nacheinander an der gleichen Schafherde arbeiten, erhält hier bei einem Trial jeder Teilnehmer eine frische Gruppe von 4 bis 6 Schafen, die über einen festgelegten Parcours zu treiben ist. Diese Schafgruppen sollten möglichst einheitlich sein, vor allem hinsichtlich ihrer Kondition, und sie sollten das ,,Gearbeitet-werden“ in kleinen Gruppen gewohnt sein, was bei Schafen aus Hütehaltung in der Regel nicht der Fall ist.

 Da Trials meist zweitägig durchgeführt werden, ist zusätzlich für Unterbringung der Teilnehmer und ihrer Hunde sowie eine Bewirtungsmöglichkeit zu sorgen. Trotz dieses Aufwandes gelingt es der ABCD, jährlich etwa 10 bis 15 Trials auszurichten. Dabei wird wegen der steigenden Teilnehmerzahlen immer öfter in Trials für Klasse I und II oder Klasse II und III unterschieden.

 Dabei starten in Klasse I die Anfängerhunde, die in der Ausbildung so weit gekommen sind, dass sie als Koppelgebrauchshunde schon nützliche Arbeit leisten können, aber noch viel Unterstützung durch den ,,handler“ (Hundeführer) benötigen. Dies ist auch die richtige Klasse für den ,,menschlichen Hüteanfänger“, der sich noch an den Ablauf eines Trials und den Umgang mit fremden Schafen gewöhnen möchte. In Trialklasse II starten dann die ,,Fortgeschrittenen“, es sind anspruchsvollere Aufgaben wie das Wegtreiben der Schafe und das Abtrennen (Shedden) zu bewältigen, aber der ,,handler“ darf seinem Hund in kritischen Situationen noch deutlich helfen.

Die Klasse III ist die Offene Klasse , bei der die Ausbildung der Hunde so weit fortgeschritten sein muss, dass sie in der Lage sind, die Schafgruppe bei einer Entfernung zum ,,handler“ von 300 Metern (beim Outrun) bzw. 100 -150 Metern (beim Quertreiben) nur auf Pfiff oder Zuruf gezielt zu bewegen. Die erfolgreichsten Teams der Klasse III qualifizieren sich für die Teilnahme am ,,Continental“, der Europäischen Meisterschaft im Schafehüten für Border Collies, die jährlich in einem anderen Land (mit Ausnahme Großbritanniens) stattfindet.

 Für jeden Hundefreund ist der Besuch eines Trials ein beeindruckendes Erlebnis. Das Zusammenspiel zwischen Schafen, Hund und ,,handler“, das auf zum Teil beträchtliche Entfernung nur durch Pfiffe oder Hörzeichen ,,dirigiert“ wird, muss jeden an Hundeausbildung Interessierten begeistern. Aber auch die Arbeit im Nahbereich, bei der man die blitzschnellen Reaktionen des Hundes auf jede Bewegung der Schafe direkt beobachten kann, ist faszinierend. Natürlich läuft auch bei einem Trial nicht immer alles nach Wunsch und manchmal muss ein Team den Parcours verlassen, weil die vorgegeben Zeit abgelaufen ist oder weil der Hund die Nerven verloren und Wolle gefasst hat. Trialläufe werden - wie bei anderen Turnieren auch - in der Regel nicht kommentiert, so dass für den Neuling unter den Zuschauern das Geschehen manchmal recht unverständlich bleiben kann, zumal die Ergebnisse der Läufe erst am Schluss bekannt gegeben werden und es auch keine Startnummern gibt. In diesem Fall sollte man einfach andere Zuschauer, die vielleicht auch Teilnehmer sind, fragen, jeder wird gern nach besten Möglichkeiten Auskunft geben. Allerdings sollte man einen Teilnehmer, der sich und seinen Hund gerade auf den nächsten Lauf vorbereitet oder eben vom Parcours kommt vielleicht lieber später ansprechen, angespannte Nerven oder der Wunsch, sich erst um den Hund zu kümmern könnten die Antwort sonst etwas kurz ausfallen lassen. Übrigens sind bei einem Trial im Gegensatz zu einem Leistungshüten für Herdengebrauchshunde - Besucherhunde durchaus willkommen, sofern sie nicht bellen und angeleint sind. Die Aufregung und der Wunsch ,,mitzuhelfen“ sind bei manchen Hunden kaum zu bremsen.

 Grundsätzlich besteht das Ziel eines Trials darin, die Schafe in möglichst ruhiger Weise auf dem kürzesten Weg in möglichst geraden Linien durch den geforderten Parcours zu bewegen. Dabei dient die ruhige Arbeitsweise der Schonung der Schafe und die Einhaltung gerader Linien ermöglicht einen Vergleich der Arbeitsleistung der einzelnen Teams, denn für jede Abweichung von der Ideallinie oder der optimalen Arbeitserledigung wird der Richter Punkte abziehen. Die meisten Punkte hat man also, wenn man am Pfosten steht und der Hund noch gar nicht gestartet ist.

Ein typischer Parcours kann folgendermaßen aussehen.

 

 

Die Aufgaben sind dabei grundsätzlich 

- der ,,outrun“, d.h. das weite ,,birnenförmige“ Hinauslaufen des Hundes hinter die Schafe, ohne diese zu beunruhigen

 20 Punkte

- der ,,lift“, d.h. der Moment der ersten Kontaktaufnahme zwischen Hund Schafen, in dem sich entscheidet, ob die Schafe den Hund fürchten, respektieren oder in anzugreifen versuchen 

10 Punkte

- der ,,fetch“, d.h. das Heranbringen der Schafe zum ,,handler“

 20 Punkte

- das Treiben vom ,,handler“ weg, meistens über einen dreieckigen Kurs durch die zwei freistehenden Tore 

30 Punkte

- das ,,shedding“, d.h. das vorübergehende Abtrennen einer bestimmten Anzahl von gekennzeichneten Schafen innerhalb eines markierten Ringes

 10 Punkte 

- der ,,pen“, d.h. das Hineindirigieren der Schafe in einen freistehenden, sehr kleinen Pferch (2x3m) oder in einen Transportanhänger 

10 Punkte

 - das ,,single“, d.h. das Abtrennen eines einzelnen Schafes, aufgrund des instinktiven Herdentriebs der Schafe häufig eine sehr schwierige Aufgabe 

10 Punkte.

 Der Unterschied zwischen Trials der Klasse III und der Klassen I und II besteht unter anderem darin, dass der Outrun verkürzt wird und dass der ,,handler“ beim Treiben vor den Schafen hergeht (bei Klasse I) bzw. hinter Schafen und Hund mitgehen darf (bei Klasse II).

Wer selbst mit seinem Border Collie eine Hüteausbildung machen möchte, kann an Wochenend- Seminaren der ABCD teilnehmen. Dies ist auch zu empfehlen, wenn man selber Schafe zuhause hat, denn die bei Seminaren eingesetzten Trainingsschafe sind in der Regel viel kooperativer und unkomplizierter als die eigenen, insbesondere wenn diese bisher nur den ungestümen "ungelernten“ Junghund erlebt haben. Für die Teilnahme an einem Hüteseminar sollte ein Border Collie im Normalfall etwa 12 Monate alt sein und über einen guten Grundgehorsam auch unter Ablenkung verfügen. Wichtig ist dabei vor allem das Ablegen auf Distanz zum Hundeführer- also ohne Leine - und das zuverlässige Herankommen. Es ist auch hilfreich, wenn der Hund sich ohne Stress längere Zeit außer Sicht des Hundeführers angeleint ablegen läßt, bzw. im Auto oder Varikennel bleibt, denn gerade der Junghund braucht Ruhepausen ohne Blick auf die Schafe, während sein Mensch sicher nichts von der Ausbildung der anderen Hunde verpassen will. Für etwas ältere Hunde sind all diese Dinge wohl kein Problem mehr.

Ein Hüteseminar beginnt in der Regel am Samstag morgen mit einer kurzen Vorstellung der Teilnehmer, ihrer Hunde und ihres Ausbildungsstandes. Meistens folgt eine kurze theoretische Einführung in die Hüteausbildung, bei der auch auf spezifische Fragen der einzelnen Teilnehmer eingegangen werden kann. Je Ausbilder sind meistens 6-8 Teilnehmer bzw. Hunde vorgesehen, die dann nacheinander an einer Gruppe von 5-10 Trainingsschafen arbeiten und zunächst ihre derzeitigen Fähigkeiten demonstrieren. Jede Trainingseinheit wird anschließend vom Ausbilder kommentiert, so dass die zuschauenden Teilnehmer Gelegenheit haben, die gegebenen Ratschläge mitzuverfolgen und im Weiteren den Erfolg oder Misserfolg der Maßnahmen zu beobachten. In der Regel wird jeder Teilnehmer am ersten Tag des Seminars mit seinem Hund 2 bis 3 Mal für etwa 10 bis 15 Minuten an den Schafen arbeiten. Längere Trainingseinheiten würden vor allem Junghunde nervlich - nicht körperlich - überlasten. Außerdem lernt auch der menschliche Hüteanfänger manchmal durch Zuschauen mehr, als wenn er/sie selber auf der Wiese steht und Hunde, Schafe, Helfer und Ausbilder um ihn herumwirbeln und alles gleichzeitig passiert

In der Mittagspause und am Abend ist dann Zeit genug zum Klönen und Erfahrungen austauschen. Die Übernachtung im Zelt oder Camper ist meistens vor Ort möglich oder man quartiert sich in Gasthöfen der Umgebung ein. Ein diesbezügliches Informationsblatt erhalten meistens die Teilnehmer nach ihrer schriftlichen Anmeldung. Am Sonntagvormittag wird das praktische Training nach gleichem Muster fortgesetzt. Dabei kann ggf. ein Wechsel der Ausbilder erfolgen, was recht interessant sein kann. Die Trainingsschafe werden übrigens nicht wie bei einem Trial jedes Mal ausgetauscht, das ermöglicht Hund und "handler“ eine gewisse Gewöhnung an das individuelle Verhalten der Gruppe. Für genügend Pausen bzw. den erforderlichen Austausch wird natürlich trotzdem gesorgt. Am Sonntag-Nachmittag findet meistens ein kleines Übungstrial statt, bei dem die neu erworbenen Fähigkeiten getestet werden können. Die Teilnahme ist jedoch freiwillig und kann auf Wunsch durch weitere Trainingseinheiten ersetzt werden. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie häufig eine deutliche Veränderung und Verbesserung bei Hund und ,,handler“ zu beobachten ist, trotz des relativ kurzen Übungszeitraums. Die wirkliche Weiterentwicklung und vor allem Stabilisierung der Hütearbeit bringt natürlich erst das Üben zuhause, aber häufig sind es die kleinen Tipps und Anregungen, die man von einem Seminar mitgebracht hat, die die Ausbildung voranbringen.

Statt ein Wochenendseminar zu besuchen - oder zusätzlich - kann man sich an eine der Trainingsadressen wenden. Je nach Absprache ist dort auch ein regelmäßiges Training in mehr oder weniger großen Gruppen oder auch allein möglich.

,,Last but not least“ soll das Rundschreiben der ABCD erwähnt werden. Es erscheint fünf Mal im Jahr und informiert die ABCD-Mitglieder über Veranstaltungstermine - auch z.T. des umliegenden Auslands. Es enthält Einladungen zu Trials und Seminaren, Berichte über vergangene Veranstaltungen, Trialergebnisse, Leserbriefe und Artikel über Border Collies, Schafe, Ausbildung u.v.m.. So wie bei allen Aktivitäten der ABCD wird auch der Inhalt des Rundschreibens von den Mitgliedern gestaltet, je mehr sich aufgefordert fühlen, etwas beizutragen, umso interessanter ist es zu lesen. Die Terminliste wird laufend aktualisiert, da meistens im Laufe des Jahres noch neue Veranstaltungen geplant werden.

Der Border Collie ist - unabhängig von einer Anerkennung durch die Hundeverbände - eine Gebrauchshunderasse im besten Sinne des Wortes. Auch wenn er in Deutschland vielleicht nicht unentbehrlich für die Schafhaltung ist - wie in seinem Ursprungsland Großbritannien - so ist doch sein ganzes Wesen durch die Erfordernisse einer täglichen Zusammenarbeit von Mensch und Hund mit der Herde geprägt. Wer seinen Border Collie wirklich verstehen und seiner Veranlagung gemäß halten und beschäftigen will, sollte sich mit dem ursprünglichen Lebenszweck dieser Rasse sehr genau auseinandersetzen. Die Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland e.V. und ihre Mitglieder geben hierzu die Möglichkeit.